Die Revolution von 1848 und ihre Folgen

"Die Revolution von 1848 brachte das böhmische Nationalitätenproblem in seiner modernen Form in Erscheinung. Hinter dem schwächer werdenden ständischen Vorbau hatte sich vom ausgehenden 18. Jahrhundert an das tschechische Element ständig gekräftigt. Im 19. Jahrhundert betrat es die politische Bühne. Die ständische Ordnung hatte seit 1620 den nationalen Dualismus des Landes verdeckt. Die Revolution brachte ihn in den Formen des Frühnationalismus zum Vorschein. Das in den stillen Jahren vor 1848 vorbereitete tschechische Volksprogramm trat in der Revolution hervor und bestimmte fast auf den Tag die nächsten hundert Jahre. Bereits in dieser Zeit formulierte die tschechische Geschichtsschreibung Palackys die Doktrin, daß in Böhmen allein der Tscheche zu Hause, der Deutsche nur Gast sei. Schon 1833 wird von deutsch-böhmischer Seite auf die damit beschworene Gefahr verwiesen, daß sich somit die Deutschen vor Antideutschen als Fremdlinge im Land betrachten müßten. Man warnt. Es dürfe niemals soweit kommen, "daß der deutsche Bewohner des Landes als rechtlos, vielleicht gar .. als vogelfrei" gelte. Diese Sätze einer Denkschrift des Prager deutschen Historikers Knoll von 1833 zeigen die nationale Aufspaltung des Landes und die damit den Deutschen drohenden Gefahren." *54)

Im Jahr 1848 schien ein geeinter deutscher Bundesstaat - einschließlich der habsburgischen Kronländer, also auch Böhmens und Mährens, in greifbare Nähe gerückt. Am 13. März kam es zu einem ersten Aufstand in Wien, am 18. zum Barrikadenaufstand in Berlin. "Die Kräfte, die diese Revolution trugen, wollten einen deutschen Nationalstaat. An Stelle des verachteten Deutschen Bundes mit seiner Kleinstaaterei sollte ein wiedererrichtetes deutsches Reich treten. Zunächst hatte man auch Erfolg und die alten Machthaber in den einzelnen deutschen Staaten mußten weichen." *55) Die Umstürze waren das Ergebnis einer sich bis dahin ständig steigernden nationalen Bewegung.

"Nach dem klaren Wortlaut der Bundesakte waren Böhmen, Mähren und Schlesien Bestandteil des deutschen Bundesgebietes. Der Versuch der Neuordnung der Bundesverhältnisse durch das Frankfurter Vorparlament umfaßte den gesamten Bundesbereich, notwendigerweise daher auch die böhmischen Länder als deutsche Bundesländer. Aus dem Kreis der Frankfurter Versammlung erging an den politisch führenden tschechischen Historiker Palacky die Einladung, sich am Vefassungswerk zu beteiligen. Er lehnte nicht nur ab, sondern benützte darüber hinaus die Gelegenheit, um einen Trennungsstrich zu ziehen." *56)

Die deutsche Nationalversammlung konstituierte sich in der Frankfurter Paulskirche, um eine demokratische Verfassung zu verabschieden. Die Tschechen blieben der Nationalversammlung fern, doch die Deutschen Böhmens und Mährens entsandten 33 Abgeordnete. Der erste Riß in der "böhmischen Nation" seit den Hussitenkriegen tat sich auf. Für leztere war es nur selbstverständlich, an den Beratungen zur deutschen Verfassung teilzunehmen, entsandten doch auch die deutschen Alpenländer im Frühjahr 1848 ihre Vertreter nach Frankfurt. "Soweit war man damals vom kleindeutschen Gedanken entfernt, daß ein Antrag, Preußen das Präsidium des Reiches zu übertragen, im Gelächter der Versammlung unterging und gar nicht behandelt wurde ... Niemand zweifelte daran, daß Österreich in dem neuen demokratischen und einigen deutschen Reich eine führende Rolle spielen werde". *57)

Für die fremdsprachigen Volksteile, insbesondere Polen und Tschechen, sah der 188 der Verfassung "Gleichberechtigung ihrer Sprache ..., in dem Kirchenwesen, dem Unterrichte, der inneren Verwaltung und der Rechtspflege" vor ... Aus Böhmen kam ein anderes Konzept: Unter Berufung auf das historische "Böhmische Staatsrecht" planten deutsche und tschechische Bewohner Böhmens, aus den Gebieten der ehemaligen Wenzelskrone einen Staat böhmischer Nationalität zu schaffen. Als unter Führung des Historikers Frantië ek Palackú eine tschechische Gruppe versuchte, sich die Führungsrolle in diesem Staat zu sichern, organisierten sich auch die Deutschen zur Wahrung ihrer nationalen Interessen. Da weder die Frankfurter Verfassung noch die folgenden Planungen des österreichischen Reichtags verwirklicht wurden (Wien und Kremsier: Beibehaltung der Außengrenzen, aber innere Gliederung nach nationalen Wohngebieten und damit Spracheinheiten), blieb das Problem bestehen. Das bisherige gemeinsame Bewußtsein, innerhalb der Habsburger Monarchie "Böhme" gleichgültig welcher Sprache zu sein, wurde abgelöst vom verpflichtenden Gefühl, sich zu "seiner" Nation bekennen zu sollen. Hinzu kam der durch Verwaltungsmaßnahmen (Registrierung der Umgangssprache) gegebene Zwang, sich zu einer Sprache bekennen zu müssen.

Im August 1848 tagten die deutschen Städte und Gemeinden Böhmens und Mähren-Schlesiens in Teplitz. Dabei wurde folgende Resolution verabschiedet:

  1. "Die deutsch redende Bevölkerung in Böhmen lehnt unbedingt jede Verschmelzung mit den echen in der Provinzialvertretung und Verwaltung ab.
  2. Wir verlangen für die im Reichstag vertretenen Provinzen Österreichs die Aufhebung der Provinzialgrenzen, Aufhebung der Provinzialgubernien [= -Gouvernements] und der Provinziallandtage.
  3. Wir verlangen:

a) eine möglichst freie, auf Selbstverwaltung begründete Gemeindeverfassung, mit Gemeinderäten aus direkten Wahlen,

b) eine Einteilung der auf dem Reichstage vertretenen Provinzen in Reichskreise auf Grundlage der Sprachgrenzen mit dem Ministerium unmittelbar unterstehenden Kreishauptleuten, an deren Seite von den Gemeinden gewählte Kreisräte stehen." *58)

Ein anderer Vorschlag Kajetan Mayers ging nicht so weit. Die Kronländer sollten - künftig als Reichsländer - bestehen bleiben. In den größeren Reichsländern aber sollten national einheitliche Kreise gebildet werden. "Die von Löhner und Palackú verfochtene Lösung sah die Aufhebung der Kronländer in ihren bisherigen Grenzen vor. Es sollten nach den Sprachgebieten der Nationen Ländergruppen gebildet werden, z.B. Deutschösterreich, dem auch die deutschböhmischen, deutschmährischen und deutsch-schlesischen Gebiete zuzuschlagen wären. Der Schlußentwurf, auf den sich der Reichstag einigte, lehnte sich eng an den Kajetan Mayers an. Er sah eine in Gemeinden, national abgegrenzten Kreisen und (z.T. national gemischten) Kronländern gestufte demokratische Selbstverwaltung ..." vor. *59)

In diesen wirren Zeiten beriefen die Austroslawen - quasi als Antwort auf die Nationalversammlung - einen Slawenkongreß nach Prag ein. Dieser trug zweifellos nicht nur, aber auch panslawistische und russophile Züge. Letztendlich sollte die Donaumonarchie zerschlagen werden. Das damals noch zu 2/3 deutsche Prag wurde von tschechischen Studenten eingeschüchtert, die Straßenzüge verbarrikadiert, Radikaltschechen griffen das Militär an. Nach dem Tod seiner Frau durch eine verirrte Flintenkugel schlug der Oberkommandant Fürst Windischgrätz hart zu, die Barrikaden in der Altstadt wurden mit Geschützfeuer bestrichen und in wenigen Stunden die Stadt bezwungen. Nun drehte sich der Wind als erster Akt einer Konterrevolution. Die deutsche und die slawische Bewegung liefen nicht im gleichen Rhythmus. Während die slawische bereits wieder zurückflutete und die Slawen vor der wachsenden großdeutschen und großmagyarischen Gefahr (wieder) unter die Fittiche des habsburgischen Doppeladlers flüchteten, schwoll die deutsche Bewegung noch an. *60)

In den folgenden Jahrzehnten entwickelten sich in der Donaumonarchie immer mehr die nationalen Gegensätze heraus und die Zukunft des Vielvölkerstaates war ungewiß. Sowohl Slawen als auch Deutsche in Böhmen und Mähren waren sich dessen bewußt, woraus auch die weitere Entwicklung resultiert. "Es war ein Verhängnis für ganz Deutschland, daß die Wiener Oktoberrevolution genau in den Tagen ausbrach, da man in Frankfurt über entscheidende Artikel der Reichsverfassung beriet. Man rechnete nun mit dem Zerfall Österreiches und beschloß daher, daß kein Land mit nichtdeutscher Bevölkerung dem Bunde angehören dürfe. Das aber bedeutete, wenn Österreich nicht in seine nationalen Bestandteile zerfiel, den Ausschluß Deutschösterreiches aus Deutschland, die "kleindeutsche" Lösung. Es war die folgenschwere Vorwegnahme der deutschen Teilung von 1866, aber auch der Teilungen von 1919 und noch der von 1945." *61)

Bis die Nationalversammlung zu Entscheidungen über die Gestaltung Deutschlands gelangte, waren die alten Mächte insbesondere in Preußen und Österreich erstarkt, und die angestrebte kleindeutsche Lösung blieb Makulatur. Zumal König Friedrich IV. von Preußen die ihm angetragene Kaiserkrone ablehnte, da sie für ihn Ausdruck der Volkssouveränität war, die er, ein Herrscher "von Gottes Gnaden", nie anerkennen konnte. Die an sich von der Mehrheit der Paulskirche angestrebte großdeutsche Lösung war im übrigen an Österreich selbst und den Großösterreichplänen seiner politischen Führung gescheitert, die mit den Nationalstaatsprinzipien unvereinbar waren. Die Männer der Paulskirche hatten es nicht verstanden, die deutsche liberale Einheits- und Freiheitsbewegung mit den tatsächlich bestehenden einzelstaatlichen Kräften zu verbinden. Im Mai 1851 trat der Bundestag, der Gesandtenkongreß der deutschen Unionsstaaten, in Frankfurt am Main wieder in voller Besetzung zusammen, der Deutsche Bund war wiederhergestellt. Anders als in der Zeit vor der Revolution aber war der Deutsche Bund nach 1848 von dem immer stärker werdenden Gegensatz zwischen Preußen und Österreich bestimmt. Preußen plante die Schaffung eines engeren Bundes unter seiner Führung, dem Österreich in einem weiteren Bunde angehören sollte. Österreich dagegen plante unter Einbeziehung der gesamten Donaumonarchie in den Deutschen Bund ein "Siebzigmillionenreich" unter seiner Führung in Mitteleuropa zu errichten. *62)

Die Tschechen wollten in den folgenden Jahrzehnten um jeden Preis ihre nationale Unabhängigkeit erringen. Einige waren sogar bereit, Opfer dafür zu bringen: Den Verzicht auf die historischen Grenzen. Edvard Grégr wollte in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts einige deutsche Bezirke abtreten: Das Egerland bis etwa Kaaden und Nordböhmen (ohne Reichenberg, Leipa und Bodenbach); insgesamt etwa von einer Dreiviertelmillion Deutschen bewohnt. Für die verbleibenden Deutschen (1,5 Mio.) wäre diese Lösung allerdings verhängnisvoll gewesen. Als kleinere Minderheit hätten die Tschechen mit ihnen leichtes Spiel gehabt, nach Grégrs Plänen hätten sie einfach tschechisiert werden sollen. Bemerkenswert ist, daß der Schauplatz und der Kampfpreis des nationalen Ringens meist nur Böhmen ist. Noch ging Mähren eigene Wege - es wollte seinen Rang als eigenständiges Kronland nicht aufgeben und auch nicht von Prag aus regiert werden. *63) Im Gegensatz zu Böhmen gelang es 1905 in Mähren, eine deutsch-tschechische Ausgleichsordnung herbeizuführen. Hierbei stand das Prinzip der nationalen Kurie im Vordergrund. Der Landtag bestand nun aus einem tschechischen und einem deutschen Teil. *64)


*54) Raschhofer, Hermann; Kimminich, Otto: a.a.O., S. 29
*55) Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen: a.a.O., S. 130
*56) Raschhofer, Hermann; Kimminich, Otto: a.a.O., S. 31
*57) Franzel, Emil: a.a.O., S. 229 ff.
*58) ebd., S. 237
*59) ebd. S. 236 ff.
*60) vgl. Franzel, Emil: a.a.O., S. 231 f.
*61) Franzel, Emil: a.a.O., S. 236
*62) vgl. Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen: a.a.O., S. 130
*63) vgl. Franzel, Emil: a.a.O., S. 281
*64) vgl. Veiter, Theodor: a.a.O., S. 25

Weiter zu Kapitel 11 | Zum Inhaltsverzeichnis