Heim ins Reich!

Am 12. September griff Hitler vor dem Parteitag in Nürnberg die Sudetenfrage direkt auf. Nach heftigsten Angriffen gegen die Tschechoslowakei und Beneë im besonderen erklärte er, daß sich Deutschland nicht am Schicksal der dreieinhalb Millionen Sudetendeutschen desinteressieren könne, es müsse ihnen das Selbstbestimmungsrecht zuerkannt werden. Damit war die Sudetenfrage zum ausschließlich internationalen Problem geworden. *165)

"Hält man in diesem Punkt der Sudetenfrage im tschechoslowakischen Staat inne, um einen vergleichenden Blick auf die Entwicklung der tschechischen Frage in ihrer Schlußphase im Rahmen der österreichisch-ungarischen Monarchie zu werfen, so fallen die Parallelen des Ablaufes ins Auge. Zwar hatten die Verhandlungen zwischen den tschechischen Vertretern in Prag und den Wiener Zentralstellen nicht diesen ausgedehnten Verlauf wie die Sudetenverhandlungen 1938. Aber in grundsätzlichen und in den wichtigsten Punkten sind sie gleich. Auch hier war die tschechische Haltung zuerst auf ein Staatsreform-Programm gerichtet. Im Jahre 1918 begann dann die tschechische Politik die Orientierung nach der zuerst allein von der Auslandsaktion vertretenen Losung der staatlichen Unabhängigkeit. Die innenpolitische Lösung allerdings, die die kaiserliche Regierung im Oktober 1918 auch den Vertretern des tschechischen Volkes anbot, war wesentlich umfassender als das Angebot des Planes 4 (auch wenn man von seiner späteren Dementierung und dem damit fraglich gewordenen zeitgenössischen Wert absieht). Österreich-Ungarn bot damals dem tschechischen Volke die Umwandlung des großen Reiches in einen Föderativstaat der Nationalitäten an. Aber mit der Erklärung, im Oktober 1918 habe die tschechoslowakische Frage aufgehört, Gegenstand der österreichischen Innenpolitik zu sein und gehe nun mehr auf das Feld der internationalen Politik über, wurden die Verhandlungen mit Wien gegenstandslos. Auch in diesem Punkt ist die Parallele zu der Situation nach dem 12. September 1938 gegeben." *166)

Am 13. September verhängte die Prager Regierung in mehreren sudetendeutschen Bezirken das Standrecht. Daraufhin brachen die SdP-Führer alle Verhandlungen ab, kündigten das Autonomieprinzip des Karlsbader Programms und erklärten am 15. September: "Wir wollen als freie deutsche Menschen leben! Wir wollen wieder Friede und Arbeit in unserer Heimat! Wir wollen heim ins Reich!" *167) Bereits am 14. September erklärte der tschechische Regierungschef Hodû a - im offensichtlichen Gegensatz zu seinem Außenminister, dem Vertrauensmann Beneë - dem englischen Gesandten im Vertrauen, man könnte letztlich das Egerland und andere Gebiete mit etwa rund einer Million Sudetendeutscher abtreten. Hodû a sagte aber auch zu Newton, daß kein anderes Mitglied der Delegation diese Lösung ernsthaft diskutiert hätte. *168)

Am 15. September verhandelte der britische Premierminister Neville Chamberlain mit Hitler auf dem Obersalzberg und versprach, sich für die Abtretung der sudetendeutschen Gebiete an das Reich einzusetzen. "Die Tschechen erklärten freilich, eine Volksabstimmung bedeute den Krieg [wohl in dem Wissen, daß nach Lösung der deutschen Frage auch die ungarische, slowakische, polnische und (karpato-) ukrainische Frage aufgerollt würde] - eine in jedem Sinne unkluge Parole, da sie das Geständnis enthielt, daß ihr demokratischer und auf das "Selbstbestimmungsrecht" gegründeter Staat das Urteil eines Viertels seiner Bewohner fürchten müsse. *169) Unter dem Druck der Ereignisse erwog jedoch Beneë selbst die Abretung gewisser Teile des Sudetenlandes und ließ einen diesbezüglichen Vorschlag am 17. September überreichen. Die sudetendeutschen Sozialdemokraten versuchten noch einmal eine letzte Rettungsaktion für den Staat. Sie forderten alle demokratisch gesinnten Deutschen auf, den neugegründeten "Deutschen Nationalrat" bei seinen Verhandlungen mit der Prager Regierung auf der Grundlage des 4. Planes zu untersützen. Der Versuch scheiterte. Es war völlig unmöglich geworden, das Problem auf innerstaatlicher Ebene zu lösen. In der internationalen Politik gab es niemanden mehr, der sich für die Erhaltung der CSR einzusetzen gedachte. *170) In den frühen Morgenstunden des 21. September unterbreiteten der französische und der britische Gesandte dem tschechischen Präsidenten die Forderung ihrer Regierungen, Prag möge die von mehr als 50 v. H. Deutschen bewohnten Gebiete der Republik an Deutschland abtreten. Keiner der vielen Bundesgenossen stand zur CSR. Auch die Sowjets weigerten sich zu kämpfen. Der Wortlaut des Bündnisvertrages verpflichtete sie nur für den Fall, daß auch die Franzosen ins Feld zögen. Noch am 21. September nahm die tschechoslowakische Regierung das Ultimatum ihrer Bundesgenossen an. Bemerkenswert ist, daß Deutschland in diesem Stadium nicht in Erscheinung tritt." *171)


*165) vgl. Raschhofer, Hermann; Kimminich, Otto: a.a.O., S. 161
*166) ebd., S. 163 f.
*167) Habel, Fritz Peter, Kistler, Helmut: 1938 - Das entscheidende Jahr, in: Informationen zur politischen Bildung, a.a.O., S. 14
*168) Raschhofer, Hermann; Kimminich, Otto: a.a.O., S. 173
*169) Franzel, Emil: a.a.O., S. 395
*170) vgl. ebd.
*171) ebd., S. 395

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